Verbalen Aggressionen begegnen

Aktualisiert: 31. Okt.





Ist friedlich bleiben eine Option?

Marshall Rosenberg teilt in seinem Buch "Gewaltfreie Kommunikation - eine Sprache des Lebens" folgendes Erlebnis:


"Einmal präsentierte ich die GFK in einer Moschee im Flüchtlingslager Deheisha in Bethlehem vor etwa 170 palästinensischen, männlichen Moslems. Die Haltung der Palästinenser gegenüber Amerikanern war zu der Zeit nicht gerade freundlich. Während ich redete, merkte ich plötzlich, wie eine Welle gedämpfter Aufregung durch die Menge ging. „Sie flüstern, dass du Amerikaner bist!“, warnte mich gerade mein Übersetzer, als ein Mann aus dem Publikum aufsprang. Er sah mir direkt ins Gesicht und schrie aus vollem Hals: „Mörder!“ Augenblicklich fiel ein Dutzend Männer mit ihm in einen Chor ein: „Attentäter!“, „Kinderkiller!“, „Mörder!“.

Glücklicherweise war ich in der Lage, meine Aufmerksamkeit auf das zu richten, was der Mann fühlte und brauchte. In diesem Fall hatte ich einige Anhaltspunkte: Auf meinem Weg in das Flüchtlingslager hatte ich einige leere Tränengasdosen gesehen, die in der Nacht zuvor in das Lager geschossen worden waren. Auf jeder Dose stand deutlich lesbar die Aufschrift „Made in USA“. Ich wusste, dass die Flüchtlinge viel Ärger gegen die Vereinigten Staaten aufgestaut hatten wegen der Versorgung Israels mit Tränengas und anderen Waffen.

Ich sprach zu dem Mann, der Mörder zu mir gesagt hatte:

Ich: Ärgern Sie sich, weil Sie möchten, dass meine Regierung ihre Mittel anders einsetzt? (Ich wusste nicht, ob ich mit meiner Vermutung richtig lag, entscheidend ist jedoch mein ernst gemeinter Versuch, mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen in Kontakt zu kommen.)

Er: Verdammt noch mal, ja, ich ärgere mich! Sie glauben, wir brauchen Tränengas? Wir brauchen eine Kanalisation und nicht euer Tränengas! Wir brauchen Wohnungen! Wir brauchen ein eigenes Land!

Ich: Sie sind also wütend und hätten gerne Unterstützung, um Ihre Lebensbedingungen zu verbessern und auch für Ihre politische Unabhängigkeit?

Er: Wissen Sie, wie es ist, hier 27 Jahre lang zu leben, so wie ich mit meiner Familie – Kindern und allem? Haben Sie auch nur den blassesten Schimmer, wie das die ganze Zeit für uns ist?

Ich: Das klingt so, als wären Sie sehr verzweifelt und würden sich fragen, ob ich oder jemand anders wirklich verstehen kann, wie es ist, unter solchen Bedingungen zu leben.

Er: Sie wollen das verstehen? Sagen Sie, haben Sie Kinder? Gehen die zur Schule? Haben sie Spielplätze? Mein Sohn ist krank! Er spielt in offenen Abwässern! In seiner Klasse gibt es keine Bücher! Haben Sie schon mal eine Schule gesehen, die keine Bücher hat?

Ich: Ich höre, wie weh es Ihnen tut, Ihre Kinder hier aufzuziehen; Sie möchten, dass ich verstehe, dass Sie wollen, was alle Eltern für ihre Kinder wollen – eine gute Ausbildung, Möglichkeiten zum Spielen und in einer gesunden Umgebung aufwachsen ...

Er: Stimmt genau, die Grundbedingungen! Menschenrechte – nennt ihr Amerikaner es nicht so? Warum kommen nicht mehr von euch hierher und schauen sich an, welche Art von Menschenrechten ihr uns bringt!

Ich: Sie hätten gerne, dass sich mehr Amerikaner über das Ausmaß des Leids hier klar werden und sich die Konsequenzen ihrer politischen Entscheidungen genauer überlegen?

Unser Dialog ging noch weiter; er brachte fast 20 Minuten lang seinen Schmerz zum Ausdruck, und ich hörte auf die Gefühle und Bedürfnisse hinter jeder Aussage. Ich stimmte nicht zu und lehnte nicht ab. Ich nahm seine Worte auf, aber nicht als Angriffe, sondern als Geschenke eines Mitmenschen, der bereit ist, sein Innerstes und seine tiefe Verletzlichkeit mit mir zu teilen.

Sobald sich der Mann verstanden fühlte, konnte er mir zuhören, als ich den Grund meiner Anwesenheit im Lager erläuterte. Eine Stunde später lud mich derselbe Mann, der mich Mörder genannt hatte, zu einem Ramadan-Essen nach Hause ein."


Hinter den Angriff hören

Die Technik, welche Rosenberg anwendet: Aufmerksam zuhören und laut zu vermuten, welche Gefühle und Bedürfnisse hinter dem Angriff stecken. Diese Technik geht Hand in Hand mit einer Haltung. Nämlich: hinter jeder Kritik und jedem Angriff steckt ein unerfülltes Bedürfnis. Ich versuche also, den Fokus nicht darauf zu haben, ob ich dem Gegenüber zustimme oder nicht, wer Recht oder Unrecht hat, was richtig oder falsch ist... sondern mein Fokus liegt auf dem Bedürfnis, das gerade zu kurz kommt:


"Ärgern Sie sich, weil Sie möchten, dass meine Regierung ihre Mittel anders einsetzt?"

"Das klingt so, als wären Sie sehr verzweifelt, und würden sich fragen, ob ich oder jemand anders wirklich verstehen kann, wie es ist, unter solchen Bedingungen zu leben."



Vorteile und Herausforderungen der Bedürfnis-Brille

Mit oben beschriebener Technik und Haltung tausche ich also die "richtig-falsch"-Brille gegen die "was brauchst du"-Brille. Das ist eine grosse Hilfe, wenn mein Ziel der Dialog ist. Wichtig ist die Absicht, mit dem Gegenüber offen reden zu wollen und das Bewusstsein, dass der Angriff nicht gegen mich gerichtet ist, sondern eben, ein verzweifelter Ausdruck eines unerfüllten Bedürfnisses ist.


Ich schätze an dieser Brille besonders zwei Dinge:


1) Es ist nicht nötig, dem Gehörten zuzustimmen. Ich kann also komplett anderer Meinung sein, und trotzdem auf die unerfüllten Bedürfnisse des Gegenübers hören.


2) Es reicht, wenn in einem sich anbahnenden Konflikt eine Seite mit der Bedürfnis-Brille unterwegs ist, um Frieden zu stiften. Es ist wirklich so, ich habe es mehrfach erlebt: Es ist nicht möglich, einen Streit zu entfachen, wenn das Gegenüber "nur" die Bedürfnisse spiegelt und konsequent nicht in die Rechtfertigung fällt.


Die grosse Frage:

Woher nehme ich die Kraft, Kritik, Aggressionen oder Hass nicht als Angriff zu verstehen? Hier gibt`s, wie in vielen anderen Bereichen, nur eins: üben, üben, üben. Versuchen Sie es:

  • Zuerst nehmen Sie sich vor, dem Gegenüber einfach aufmerksamer als sonst zuzuhören, ohne Gefühle oder Bedürfnisse nachzufragen. Beginnen Sie mit "einfachen" Situationen, wo es noch gar keinen Angriff gibt. Zum Beispiel wenn Ihnen jemand etwas erzählt, das er/ sie erlebt hat.

  • Später können Sie sich vornehmen, auf die Gefühle und/ oder Bedürfnisse, die bei dieser Person gerade aktiv sind, zu hören. Still für sich zuerst.

  • In der nächsten Situation probieren Sie einmal, danach zu fragen. Beginnen Sie, nach dem Bedürfnis zu fragen. Das braucht meistens weniger Mut, als das Sprechen über Gefühle.

  • Wenn Sie ein paar Erfolgserlebnisse gesammelt haben, probieren Sie es bei "leicht konfliktgeladenen" Situationen und steigern Sie langsam.


Freuen Sie sich über Erfolge und seien Sie nicht zu streng mit sich, wenn es nicht geklappt hat. Ich kann nicht oft genug wiederholen, dass die Anwendung dieser Technik und Haltung wie das Lernen einer komplett neuen Sprache ist. Ich selbst bin schon seit 15 Jahren am Lernen und Üben. Vieles gelingt mir und ich freue mich mit Freund*innen, neuen Begegnungen, Familie und Kund*innen über die Ernte dieser wunderbaren Sprache. Es gibt aber auch Situationen, wo ich grandios scheitere und mich frage, ob ich überhaupt als Kommunikationstrainerin weiterarbeiten soll. Und doch bleibe ich dran, weil ich tagtäglich erlebe, wie diese Kommunikationstechnik eben so viel mehr ist, als eine Technik: Ein Weg, Menschen unterschiedlichster Prägungen an einen Tisch zu bringen, anstatt Kriege zu beginnen. Jedes Wort zählt! Probieren Sie es aus.

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