Schuld nach erschütternden Ereignissen
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- vor 5 Tagen
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Psychologisch und kulturell eingeordnet
Nach erschütternden Ereignissen, sei es ein Unglück, ein Gewaltereignis oder eine gesellschaftliche Krise, taucht oft sehr schnell eine Frage auf: Wer ist schuld?.
Diese Frage stellt sich nicht nur bei direkt Betroffenen. Auch Menschen, die „nur“ Nachrichten lesen oder Gespräche mitverfolgen, spüren innere Unruhe, Betroffenheit oder Ohnmacht.
Dieser Beitrag richtet sich an Menschen, die nicht direkt betroffen sind, sich aber fragen, wie sie Gesehenes, Gehörtes oder Gelesenes innerlich einordnen können, ohne zu verurteilen oder zu verhärten.

Warum wir nach Schuldigen suchen
Aus psychologischer Sicht ist die Schuldfrage nachvollziehbar. Wenn etwas Erschütterndes geschieht, erlebt unser Nervensystem Kontrollverlust. Dinge, die bisher sicher oder selbstverständlich wirkten, geraten ins Wanken. Unser Gehirn reagiert darauf, indem es versucht
Ursachen zu finden
Ordnung ins Chaos zu bringen
Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen
Die Schuldfrage kann kurzfristig genau das leisten. Sie vermittelt Struktur und reduziert Ohnmachtsgefühle, zumindest für einen Moment. Wichtig dabei ist: Was kurzfristig entlastet, ist nicht immer langfristig hilfreich.
Schuld ist nicht universell. Eine kulturelle Perspektive
Die Frage nach Schuld ist nicht nur individuell, sondern auch kulturell geprägt. Verschiedene Gesellschaften haben unterschiedliche Wege entwickelt, mit Leid, Verlust und Unsicherheit umzugehen. Diese verschiedenen Ordnungssysteme haben alle das Ziel, Sicherheit, Zugehörigkeit, Orientierung und Sinn (wieder) herzustellen. Bei der nachfolgenden Unterteilung geht es mir nicht um "romantische Verklärung" oder starre Zuschreibungen, sondern um ein Aufzeigen der unterschiedlichen existierenden Deutungsmuster aus der Ethnologie und Kulturpsychologie
1) Westlich geprägte Schuldkulturen
Individuelle Verantwortung und klare Zuständigkeiten
In vielen westlichen Gesellschaften ist Verantwortung stark individualisiert. Nach erschütternden Ereignissen wird häufig gefragt:
Wer hat einen Fehler gemacht?
Wer hätte es verhindern müssen?
Das Individuum gilt als handelndes Subjekt, das Entscheidungen trifft und für deren Folgen verantwortlich ist, sich entschuldigen und für Wiedergutmachung sorgen muss. Diese Sichtweise ist eng verbunden mit Rechtsstaatlichkeit, individueller Haftung und moralischer Zuschreibung. Entsprechend sind Schuld, Haftung und Strafe zentrale Kategorien westlicher Rechtssysteme.
Stärken
Dieses Modell kann Orientierung geben, Klarheit schaffen und Lernen sowie Prävention ermöglichen.
Spannungsfelder
In akuten Krisen kann die starke Fokussierung auf Schuld Polarisierung fördern. Spekulationen und vorschnelle Urteile nehmen zu, und der Blick kann sich von den Betroffenen und ihren Bedürfnissen weg verschieben.
2) Ostasiatische Kulturen
Scham, Harmonie und soziale Ordnung
In vielen ostasiatischen Kulturen, etwa in Japan, Korea oder China, steht weniger die individuelle Schuld im Zentrum als die Wahrung sozialer Harmonie und stabiler Beziehungen.
Zentrale Bezugspunkte sind:
Beziehungen und Rollen
Gesichtsverlust und soziale Anerkennung
kollektive Verantwortung
die Wiederherstellung von Vertrauen und Ordnung
Konflikte sollen möglichst früh aussergerichtlich gelöst werden, etwa durch Mediation, Entschuldigung, Rückzug aus verantwortlichen Rollen oder organisatorische Korrekturen. Rechtliche Schritte sind vorhanden, gelten jedoch häufig als letzter Schritt.
Stärken
Der Fokus auf Harmonie schützt Beziehungen und sozialen Zusammenhalt. Verantwortung wird oft gemeinschaftlich getragen.
Spannungsfelder
Diese enge Verbindung von Recht, Moral und sozialer Ordnung kann es erschweren, Fehlverhalten offen zu benennen oder individuellen Schutz durchzusetzen, insbesondere wenn der soziale Frieden gefährdet scheint.
3) Indigene und gemeinschaftsorientierte Kulturen
Einbettung, Balance und gemeinsame Heilung
In vielen indigenen und gemeinschaftsorientierten Kulturen – etwa bei Quechua, Aymara, Navajo, Anishinaabe, Aborigines oder im Rahmen der Ubuntu Philosophie – wird Leid weniger über individuelle Schuld erklärt. Stattdessen gilt es als Störung eines grösseren Gleichgewichts zwischen:
Mensch und Gemeinschaft
Natur und Umwelt
spirituellen oder transgenerationellen Dimensionen
Viele dieser Kulturen verfügen über eigene Formen von Rechtsprechung oder Konfliktregelung, die auf Ausgleich, Wiedergutmachung und Wiederherstellung von Beziehungen ausgerichtet sind.
Stärken
Im Vordergrund stehen gemeinschaftliche Rituale, gemeinsames Trauern und die Wiederherstellung von Balance.
Spannungsfelder
Herausforderungen entstehen dort, wo diese Systeme von staatlichen oder mehrheitsgesellschaftlichen Institutionen gesellschaftlich oder rechtlich nicht gleichwertig anerkannt werden.

Gewaltfreie Kommunikation und Schuld
Die kulturellen Unterschiede zeigen: Schuld ist kein neutraler Begriff. Sie ist eingebettet in Werte, Machtverhältnisse und Vorstellungen von Ordnung.
Die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) bietet hier eine hilfreiche Ergänzung auf der menschlichen Ebene. Marshall Rosenberg stand Schuld und Bestrafung sehr kritisch gegenüber, insbesondere wegen ihrer Wirkung auf Beziehung und Lernen. Denn Schuld lenkt den Blick weg von Bedürfnissen und hin zu Bewertungen.
Gewalt entsteht aus dem Glauben, dass andere Menschen für unseren Schmerz verantwortlich sind und deshalb Bestrafung verdienen.
Marshall Rosenberg
GFK und Rechtssysteme
Rosenberg war kein Gegner von Rechtssystemen. Er stellte jedoch infrage, ob straforientierte Systeme tatsächlich die Sicherheit erhöhen, die Verantwortung fördern oder Heilung ermöglichen. Er plädierte für einen Perspektivwechselweg von Schuld, Entschuldigung und Strafe hin zu:
Bedürfnissen
Wiedergutmachung
Wiederherstellung von Beziehung
Diese Haltung ist anschlussfähig an die sogenannte "Restorative Justice", an mediative Verfahren und gemeinschaftsbasierte Konfliktlösung.
GFK und Schuldzuweisungen im Alltag
Aus Sicht der Gewaltfreien Kommunikation wird die Frage „Wer ist schuld?“ dann problematisch, wenn sie stehen bleibt. Sie erklärt, aber sie verbindet nicht. Hinter der Schuldfrage stehen oft die Bedürfnisse nach Sicherheit, Orientierung, Ordnung, Gerechtigkeit oder Sinn. Die Frage nach Schuld ist aus dieser Perspektive immer ein Ausdruck innerer Not.
Rosenberg unterschied auch klar zwischen "Verantwortung übernehmen" und "Schuld zuweisen". Er betonte, dass Menschen eher kooperieren und lernen, wenn ihre Bedürfnisse (nicht die Strategien!) anerkannt werden, statt wenn sie beschuldigt oder bestraft werden.
Die Gewaltfreie Kommunikation lädt dazu ein, die Perspektive zu verschieben:
Statt: Wer ist schuld?
Was ist konkret passiert? (Beobachtung, Fakten)
Was macht das gerade mit mir/mit dir/mit uns? (Gefühl, Emotion)
Was ist mir/dir/uns in dieser Situation besonders wichtig? (Bedürfnis, Motiv, Wert)
Was würde jetzt zu diesen Bedürfnissen beitragen? (Bitte, Strategie)
Diese Fragen öffnen den Raum. Sie führen weg von Zuschreibung und hin zu Selbstkontakt und Verbindung.
💡Konkrete GFK Impulse für den Alltag
1. Beim Lesen von Nachrichten
Wenn du merkst, dass dich ein Ereignis innerlich aufwühlt, halte kurz inne und benenne für dich
Gefühl: „Ich bin verunsichert / traurig / wütend/ fassungslos“
Bedürfnis: „Mir fehlt gerade Sicherheit / Orientierung / Vertrauen.“
Allein dieses Benennen wirkt oft regulierend. Wenn dir die Worte fehlen, spüre deinen Körperempfindungen nach, ohne sie zu benennen. Du kannst auch eine Gefühls- und Bedürfnisliste benutzen (Siehe "Downloads und Tools").
2. In Gesprächen mit anderen bei dir bleiben
Statt Schuld oder Bewertungen zu wiederholen; „Das ist doch unfassbar fahrlässig“, kannst du bei dir bleiben, z.B. indem du sagst: „Mich macht das sehr betroffen. Ich merke, wie sehr ich mir Sicherheit wünsche.“
Das verändert die Gesprächsatmosphäre spürbar.
3. Im Gespräch mit anderen auf sie eingehen
Wenn Menschen Schuldzuweisungen machen, stecken dahinter meist starke Gefühle und unerfüllte Bedürfnisse. Gewaltfreie Kommunikation lädt dazu ein, nicht auf die Schuldzuweisung zu reagieren, sondern auf das, was dahinter liegt.
Beispiel: „Das ist doch unfassbar fahrlässig. Die haben alles falsch gemacht.“
Statt: widersprechen, argumentieren, relativieren, erklären, zustimmen/mitmachen
GFK Haltung: Ich höre den Vorwurf, aber ich lausche auf das Bedürfnis.
Mögliche empathische Antworten:
„Das macht dich wütend? – geht es dir um Sicherheit?“
„Ich höre viel Empörung. Darf so etwas einfach passieren?“
Wichtig:
Empathie ist kein Einverständnis. Zuhören heisst nicht zustimmen.
Selbstschutz: Gewaltfreiheit bedeutet auch, sich selbst zu schützen: „Ich merke, dass mich das gerade überfordert.“, „Ich brauche eine Pause von diesem Thema.“
4. In Diskussionen oder Online Kommentaren
Eine hilfreiche Leitfrage aus der Haltung der GFK ist:
Trägt das, was ich sage oder teile, zu mehr Klarheit, Verbindung oder Beruhigung bei?
Wenn nicht, darfst du auch schweigen.
5. Wenn du selbst merkst, dass du Schuld suchst
Eine innere Übersetzung hilft:
Wenn ich merke, dass ich denke: „Jemand muss schuld sein.“
Ein paar Atemzüge nehmen. Bewusst das Gefühl wahrnehmen. Innerlich übersetzen: „Ich halte diese Unsicherheit kaum aus und wünsche mir Klarheit.“
6. Wenn du merkst, dass du Recht haben willst
Frage dich: Was ist gerade mein Ziel? Will ich mein Gegenüber verstehen? Will ich es überzeugen? Hätte ich selbst gern Verständnis für mein Befinden? Oder wie Marshall Rosenberg es ausdrückte:
Willst du Recht haben oder glücklich sein?
Quellen (Auswahl)
Simone Emmert: Friedenssprache und Friedenserziehung. In: Peter Becker,Reiner Braun & Dieter Deiseroth (Hrsg.): Frieden durch Recht? Berliner Wissenschaftsverlag, Berlin 2010, S. 412 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).



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