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GFK in Zeiten des Krieges

Eine Provokation!

Gudrun Haas, GFK-Trainerin aus München, beschreibt ihren ersten Eindruck von Marshall Rosenberg (Quelle), als er vor rund 30 Jahren begann, im deutschsprachigen Raum Referate zu halten:

„Ich sass in seinem Seminar und dachte: ‚Dieser Mensch mit diesen Ideen läuft frei rum?‘ Da sitzt einer und sagt glatt, dass selbst Kriminelle gute Gründe haben, wie sie sich verhalten und das war für mich komplett neu. Das hat mich so weggebeamt, weil bis dahin hatte ich überhaupt gar kein Bedürfnisbe-wusstsein. Bis dahin hatte mich noch nie jemand gefragt, welche Bedürfnisse ich habe, geschweige denn ich mich selber. Was mir damals geholfen hat, war mich wieder zu verbinden mit meinen alten Werten, mit den Werten, dass es doch möglich sein muss, in Frieden zu leben und das hatte ich vergessen gehabt.“


Das stimmt doch nicht. Oder doch?

Eine der Grundannahmen der GFK besagt, dass alles, was ein Lebewesen tut oder nicht tut dazu dient, ein Bedürfnis zu erfüllen. Grundsätzlich ist es sogar die Beste, zu dem Zeitpunkt zur Verfügung stehende Handlung (unter den gegebenen Umständen und gemachten Erfahrungen).


Beispielsweise orientiert sich eine Pflanze in Richtung Licht, um zu wachsen. Ein Raubtier jagd ein anderes Tier, um sich zu ernähren, ein Mensch baut sich ein Haus, um Schutz zu haben. Hierbei versteht man unter "Bedürfnis" jene abstrakten und universellen Werte, die wir schon von Maslow kennen, z.B. Nahrung, Luft, Sicherheit. Das sind physiologische und Sicherheitsbedürfnisse. Desweiteren gibt es soziale Bedürfnisse wie Gemeinschaft oder Liebe sowie Individualbedürfnisse wie Wertschätzung, Harmonie oder Abgrenzung und Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung wie "ok sein, wie ich bin".


Wichtig: Die Art und Weise WIE ein Bedürfnis erfüllt wird (= sobald eine Handlung, konkrete Person, Zeitraum, Zeitpunkt oder Ort vorkommt), wird in der GFK "Strategie" genannt. Während Bedürfnisse nicht verhandelbar und immer "unschuldig" sind, sind Strategien sehr wohl verhandelbar. Es gibt lebensbereichernde und lebensunverträgliche Strategien. Konflikte und Kriege, im Kleinen und im Grossen, entstehen immer auf der Strategie-Ebene, nie auf der Bedürfnisebene.


Wenn diese Grundannahme tatsächlich stimmt, würde das ja bedeuten, dass auch Menschen und Völker, die andere oder sich selbst bekriegen, umbringen und misshandeln, sich mit dieser schrecklichen Strategie ein "unschuldiges Bedürfnis" erfüllen!? Kann nicht sein. Oder doch?


Eine sehr intensive und zum Nachdenken anregende Übung dazu in GFK-Seminaren ist folgende: Die Teilnehmenden werden in zwei Kleingruppen aufgeteilt. Sie sind nun Bevölkerungsgruppe 1 und Bevölkerungsgruppe 2.

Sie sollen sich nun vorstellen, dass eine der beiden Gruppen die andere angegriffen hat; Häuser zerstört, Zivilistinnen und Zivilisten misshandelt, entführt, getötet. Daraufhin hat die zweite Gruppe Rache geübt und dasselbe mit der ersten Gruppe getan.


Und dann die Frage: Was für Bedürfnisse stecken hinter euren Strategien?


Meistens herrscht erstmal Schweigen. Und dann kommen sie. Immer die gleichen Bedürfnisse: Schutz und Sicherheit (wenn die anderen tot, weg sind, haben wir das), Nahrung, Wohlergehen, Gesundheit (wir können dann auf dem Land Landwirtschaft betreiben, wir können uns um unsere Familien und kommende Generationen kümmern), Gerechtigkeit (ihr habt uns angegriffen, jetzt bekommt ihr es zurück), Autonomie und Anerkennung (wir wollen so leben, wie wir das für richtig halten; unsere Kultur und unsere Religion), Verständnis und Empathie (wir haben gelitten, weil ihr unsere Leute getötet habt, jetzt sollt ihr diesen Schmerz auch empfinden).


Wieder Schweigen und Beklommenheit. Wie schrecklich. Wie traurig.

Was kann man tun, angesichts dieser Realität?


„Frieden beginnt in uns selbst. Damit meine ich nicht, dass wir uns zuerst von all unseren inneren gewaltvollen Erfahrungen befreien müssen, bevor wir nach aussen auf die Welt schauen oder auf einer höheren Ebene am sozialen Wandel mitwirken können. Was ich meine ist, dass wir diese Dinge gleichzeitig tun müssen.“

M.B. Rosenberg



GFK in Kriegs- und Krisengebieten

Rosenberg engagierte sich auch in Krisengebieten und ökonomisch benachteiligten Regionen wie Palästina, Serbien und Ruanda. Wie ging das, mit Menschen zu arbeiten, die schon seit Jahren, Jahrzehnten, Jahrhunderten im Kriegsmodus sind? Hier erzählt er persönlich, was seine Herangehensweise war:



Der Kern der Gewaltfreien Kommunikation -

Haltung, nicht Methode

Das Menschenbild der GFK basiert auf der Grundannahme, dass alle Lebewesen wechselseitig voneinander abhängig, miteinander verbunden sind. Dies führt zu einem inneren Auftrag, das Getrenntsein zu überwinden und Verantwortung zu übernehmen, um zu einer Kultur des Lebens in Gemeinschaft beizutragen. Dies sowohl im Kleinen, im Umgang mit sich selbst und den nahestehenden Menschen, als auch im Grossen; Stichwort "sozialer Wandel".


Marshall Rosenberg betonte, dass es in der Kommunikation und im zwischenmenschlichen Umgang in erster Linie auf Achtsamkeit und die innere Einstellung ankommt. Die Methode oder äussere Form sei weniger bedeutsam, jedoch sehr hilfreich.


Die GFK wird somit als Prozess beschrieben, der dazu dient, Menschen für die Macht und Wirkung von Worten zu sensibilisieren.

Worte können in der Kommunikation als Fenster dienen, um Verbindungen zu schaffen, oder als Kriegsinstrumente.


Grenzen der GFK

Marshall Rosenberg betonte, dass der zentrale Aspekt der GFK die persönliche Entwicklung des Individuums ist, was einen bedeutenden Zeitaufwand und Energie erfordert. Zum Beispiel könnten bestimmte Lebensbereiche von starken Ängsten oder festgefahrenen Vorstellungen geprägt sein, was es schwierig macht, offene Gespräche über Gefühle und Bedürfnisse zu führen. Die Bereitschaft, den erforderlichen Mut aufzubringen, hängt oft von der bisherigen Selbstwahrnehmung und der generellen persönlichen Entwicklung ab.

Der GFK-Prozess selbst erfordert ebenfalls Zeit und setzt voraus, dass auch die Gesprächspartner und -partnerinnen die Geduld aufbringen, diese Zeit zu investieren. Allerdings besteht gerade in Machtsituationen häufig ein Ungleichgewicht in Bezug auf Zeit, Bereitschaft und Mut, was die erfolgreiche Anwendung der GFK erschweren kann. Marshall Rosenberg zum Beispiel war ein Cis-Mann, gebildet, ohne körperliche oder psychische Behinderung und weiss. Sein Status in Bezug auf Privilegien war hoch. Auch wenn er mit seinem jüdischen Nachnamen Diskriminierung am eigenen Leib erlebt hat, konnte er sich mit seiner Arbeit Gehör verschaffen.



Und jetzt? Was ist zu tun?

Mit dem von der GFK geschärften Blick auf die vielen "lebensundienlichen", kriegerischen, ausbeuterischen und trennenden Strategien auf dieser Welt, könnte man die Hoffnung noch mehr verlieren. Dazu ein weiteres Zitat von M.B. Rosenberg:


Alle Dinge, die es wert sind, getan zu werden, sind es auch wert, unvollkommen getan zu werden.

In diesem Sinne:

  • Alles, was wir bisher (nicht) gesagt oder (nicht) getan haben, war die bestmögliche uns zur Verfügung stehende Strategie, um uns ein Bedürfnis zu erfüllen. Scham oder Schuld halten uns zurück, das Bestmögliche im JETZT zu tun.

  • Halten wir Ausschau nach den Bedürfnissen (den eigenen und den, der anderen). Auch nach denen der "Bösen", der Täterinnen und Täter oder der Menschen, die auf der andern Seite des Globus leben und mit denen wir "nichts zu tun haben"

  • Fragen wir uns selbst und einander im Dialog: Ist das eine lebensdienliche Strategie zur Erfüllung der betreffenden Bedürfnisse? Gibt es eventuell günstigere, die für alle ein Gewinn sind?

  • Tun wir es. Reden wir darüber. Hören wir einander zu. Handeln und leben wir bedürfnisorientiert anstatt die "Schuldigen" "bestrafen" zu wollen. Gewalt hat meines Wissens bisher noch nie Frieden gebracht.


Mehr Infos zur GFK gibt es im von Marshall Rosenberg gegründeten Center for Nonviolent Communication.



Foto: cottonbro studio via pexels.com

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