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Warum die Giraffe in der Gewaltfreien Kommunikation beinahe eine Ente geworden wäre

NBJ Coaching
vor 3 Tagen
4 Min. Lesezeit

Was haben ein Schakal, ein Wolf, eine Giraffe und eine Ente mit guter Kommunikation zu tun? Die Geschichte über die Entstehung der Symboltiere der Gewaltfreien Kommunikation und darüber, weshalb Mitgefühl auch Mut braucht.


Wer sich mit GFK beschäftigt, begegnet früher oder später zwei Tieren: dem Wolf und der Giraffe.

Der Wolf steht für eine Sprache voller Urteile, Vorwürfe und Schuldzuweisungen. Die Giraffe symbolisiert eine Kommunikation, die Gefühle und Bedürfnisse ernst nimmt und Verbindung ermöglicht.

So weit, so bekannt.


Aber weshalb ausgerechnet diese beiden Tiere? An meinen Einführungsseminaren gehe ich aus zeitlichen Gründen nur ganz kurz darauf ein. Hier nun die ganze (überlieferte) Geschichte inklusive einer kleinen Ergänzung.



Alles begann mit einem Schakal

Die Geschichte wird ungefähr so erzählt:

Marshall Rosenberg war in Europa unterwegs, um Workshops zur Gewaltfreien Kommunikation zu geben. Eine Teilnehmerin holte ihn wiederholt am Flughafen ab. Während der gemeinsamen Autofahrten erzählte sie ihm jeweils ausführlich, wie sehr sie sich über ihren Ehemann ärgerte.

Eines Tages fragte Rosenberg spontan, ob sie es immer noch mit diesem alten Schakal zu tun habe.

Die Frau reagierte so heftig, dass sie beinahe von der Strasse abkam. Genau das sei ihr Mann! Er schnappe ihr ständig nach den Fersen!


Rosenberg bemerkte, wie unmittelbar die Tiermetapher bei ihr ankam.

Bei einem späteren Workshop fragte er deshalb in die Runde, wer denn auch einen Schakal in seinem Leben habe.

Die Reaktionen: Gelächter und viel Wiedererkennung.

Irgendwann brachte ein Teilnehmer aus einem Spielwarengeschäft eine Schakal-Handpuppe mit. Was zunächst wohl als Scherz gedacht war, wurde zum hilfreichen Werkzeug: Rosenberg setzte die Puppe spontan ein, um Urteile und Vorwürfe sichtbar und hörbar zu machen.

Der Schakal hatte seine Rolle gefunden.


Im deutschsprachigen Raum wurde aus dem Schakal übrigens der Wolf.


Dann kam die Ente ins Spiel

Nun brauchte der Schakal ein Gegenüber. Ein Tier, das eine andere Art der Kommunikation verkörperte. Rosenberg dachte dabei zunächst an eine Ente. Denn er erzählte gerne vom kleinen Kind, das voller Freude hungrige Enten füttert. Das Kind gibt, weil es Freude daran hat, zum Wohlbefinden der Tiere beizutragen. Es erwartet keine Belohnung und handelt weder aus Pflichtgefühl noch aus Angst vor Strafe.

Dieses freiwillige Geben war für Rosenberg ein wesentlicher Bestandteil der Gewaltfreien Kommunikation.

Doch es gab ein Problem: Die Ente schien dem Schakal als symbolisches Gegenüber nicht ganz gewachsen. "Der Schakal frisst die Ente doch auf!".

Also ging die Suche weiter.


Warum es schliesslich die Giraffe wurde

Eine weitere Erzählung führt zum amerikanischen «Giraffe Project». Dieses würdigt Menschen, die mutig ihren Hals für andere hinhalten und sich für das Gemeinwohl einsetzen, auch wenn sie dabei persönliche Risiken eingehen.

Rosenberg erfuhr von diesem Projekt. Das Bild der Giraffe passte zu dem, was er vermitteln wollte.

Denn die Giraffe bringt gleich mehrere symbolische Eigenschaften mit: Sie hat ein grosses Herz. Es steht für Empathie und Mitgefühl. Ihr langer Hals ermöglicht ihr einen weiten Blick. In der Kommunikation erinnert uns das daran, über den unmittelbaren Ärger hinauszuschauen und auch langfristige Folgen zu bedenken.

Und sie hält ihren Hals hin. Ein schönes Bild für den Mut, sich zu zeigen, für eigene Bedürfnisse einzustehen und anderen mit Offenheit zu begegnen.

So wurde die Giraffe zum Symbol der Gewaltfreien Kommunikation.


Marshall mit den Handpuppen.
Marshall mit den Handpuppen.



Ist der Wolf jetzt der Böse?

Wolf und Giraffe sind Symboltiere für unterschiedliche Arten, zu denken, zuzuhören und zu sprechen. Der Wolf ist weder böse noch steht er für schlechte Menschen. Auch echte Wölfe haben ihren schlechten Ruf nicht verdient (meine Meinung, Nadia).


In der Gewaltfreien Kommunikation gehen wir davon aus, dass hinter menschlichem Verhalten Gefühle und Bedürfnisse stehen. Auch dann, wenn jemand urteilt, schimpft oder Vorwürfe macht.

Stell dir beispielsweise vor, jemand sagt:


«Du hörst mir nie zu! Immer schaust du auf dein Handy!»

Das klingt ziemlich nach Wolfssprache.

Dahinter könnten aber Enttäuschung und der Wunsch nach Aufmerksamkeit und Verbindung stecken.

In Giraffensprache könnte dieselbe Person sagen:

«Als ich dir vorhin von meinem Tag erzählt habe und du auf dein Handy geschaut hast, war ich enttäuscht. Mir ist wichtig, dass wir uns Zeit füreinander nehmen. Wie siehst du das?».

Das braucht Übung.

Und manchmal gelingt es uns auch mit viel Übung nicht, denn wir alle kennen wohl solche Momente, in denen unsere Gedanken voller Urteile sind. Gerade wenn wir gestresst, verletzt oder wütend sind.

Die GFK lädt uns ein, diese Gedanken wahrzunehmen und neugierig zu werden: Was fühle ich gerade? Was ist mir wichtig? Und was könnte hinter dem Verhalten meines Gegenübers stecken?

Dabei dürfen wir durchaus auch ärgerlich sein, Grenzen setzen und Nein sagen. Mitgefühl bedeutet nicht, alles hinzunehmen.


Empathie braucht manchmal Mut

Empathie wird gelegentlich mit Nachgiebigkeit verwechselt. Als müsste ein empathischer Mensch immer freundlich bleiben, Verständnis zeigen und auf die eigenen Anliegen verzichten.

Doch die Gewaltfreie Kommunikation lädt uns ebenso dazu ein, unsere eigenen Gefühle und Bedürfnisse ernst zu nehmen.

Das kann bedeuten, ein schwieriges Thema anzusprechen, eine klare Grenze zu setzen oder jemandem respektvoll zu widersprechen.

Manchmal braucht es ganz schön viel Mut, den eigenen Hals hinzuhalten.

Manchmal kann dieser Mut auch damit beginnen, kurz innezuhalten, bevor ich den nächsten Vorwurf ausspreche.


Zurück zur Geschichte

Mir gefällt an der Story, dass offenbar auch bei der Entwicklung dieser bekannten Bilder so viel Humor, Kreativität und Experimentierfreude im Spiel waren.

Eine spontane Bemerkung während einer Autofahrt. Eine Handpuppe, die jemand zum Spass mitbringt. Eine Ente, die schliesslich doch einer Giraffe Platz machen muss.


Lernen muss nicht immer ernst und schwer sein. Gerade bei einem Thema wie Kommunikation, bei dem wir uns manchmal ziemlich ungeschickt anstellen oder verbissen sind, können Humor und spielerisches Ausprobieren entlasten.

Ich finde: Gewaltfreie Kommunikation lernen wir nicht allein dadurch, dass wir ihre vier Schritte kennen. Wir lernen sie, indem wir ausprobieren, stolpern, lachen, nochmals versuchen und mit der Zeit neue Möglichkeiten entdecken.

Und wer weiss: Vielleicht sollten wir die Ente wieder etwas häufiger in Erinnerung rufen.

Als Erinnerung daran, wie schön es sein kann, freiwillig und von Herzen zum Leben anderer beizutragen.


Möchtest du die Gewaltfreie Kommunikation kennenlernen oder deine Kenntnisse auffrischen? In meinen GFK-Einführungsseminaren beschäftigen wir uns mit alltagstauglichen Möglichkeiten, auch in schwierigen Situationen verständlich, klar und empathisch zu kommunizieren.


Quellen und weiterführende Informationen

Hinweis: Die Entstehungsgeschichte ist aus überlieferten Anekdoten und Darstellungen zur Arbeit Marshall Rosenbergs zusammengestellt. Einzelne historische Details sind nicht unabhängig belegt.

 
 
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