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Das sollte ich doch eigentlich besser können: Warum Wissen allein nicht reicht

NBJ Coaching
9. Sept.
3 Min. Lesezeit

Ich beschäftige mich beruflich seit vielen Jahren damit, wie Menschen mit sich selbst und miteinander umgehen. Mit Kommunikation, Bedürfnissen, angenehmen und unangenehmen Gefühlen. Mit Stress, Veränderung und der Frage, wie wir auch dann handlungsfähig bleiben, wenn es gerade nicht so läuft, wie wir gern hätten.


Und ich selbst habe trotzdem Momente, in denen ich Dinge sage, die ich fünf Minuten später gern anders formuliert oder, noch besser, gar nicht gesagt hätte. Ich mache mir Sorgen und drehe gedanklich im Hamsterrad, obwohl ich theoretisch ziemlich genau weiss, was mein Kopf da gerade veranstaltet. Ich bin gestresst und merke erstaunlich spät, dass ich schon seit Stunden die Schultern hochziehe oder dass es vielleicht eine gute Idee wäre, den PC herunterzufahren und eine Runde spazieren oder zum Yoga zu gehen.

Ich weiss, dass eine Pause guttun würde, und mache trotzdem noch schnell diese eine Sache fertig. Und diese andere. Und wenn ich schon dabei bin …


Fachwissen scheint den etwas unangenehmen Nebeneffekt zu haben, dass man zusätzlich noch weiss, was man gerade alles besser machen könnte.

«Das sollte ich doch können.»


Ich arbeite mit Gewaltfreier Kommunikation und ertappe mich trotzdem bei Bewertungen und Vorwürfen. Ich unterbreche Leute, wenn sie reden. Ich habe auch schon so daneben reagiert, dass ich mich später geschämt und mein Verhalten mit fachlicher Unterstützung angeschaut habe. Ich begleite Menschen dabei, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen, und übergehe meine eigenen. Ich weiss einiges über Selbstregulation und Selbstführung und bin trotzdem manchmal alles andere als souverän.


Das ist kein Widerspruch. Wissen macht uns nicht immun gegen Stress, Angst, Ärger, alte Muster, Hormonschwankungen oder einen schlechten Tag. Wir sind und bleiben Menschen. Ich bin und bleibe Mensch.


Warum Wissen allein oft nicht reicht

Wenn wir gestresst, verletzt, ängstlich oder erschöpft sind, reagieren wir nicht immer so, wie wir es uns in einem ruhigen Moment vorgenommen haben. Unser Nervensystem, unsere Erfahrungen, eingeübte Muster und die aktuelle Situation spielen mit hinein.

Das kennen viele Menschen auch aus anderen Bereichen. Wir wissen, dass Bewegung guttun würde, und bleiben trotzdem auf dem Sofa. Wir wissen, dass eine Pause sinnvoll wäre, und arbeiten weiter. Wir wissen, dass Zuhören gerade hilfreicher wäre, und erklären trotzdem noch schnell unseren Standpunkt.

Wissen kann helfen, etwas früher zu erkennen. Es kann uns Sprache geben für das, was passiert. Und es kann unseren Handlungsspielraum vergrössern. Aber es nimmt uns das Menschsein nicht ab.

Schwierig wird es oft dann, wenn zum eigentlichen Stress noch die zweite Ebene dazukommt:

«Ich sollte gelassener sein.»

«Ich sollte das besser im Griff haben.»

«Ich weiss es doch besser.»

«Das dürfte mir eigentlich nicht passieren.»

Dann sind wir nicht nur gestresst, verärgert oder überfordert. Wir kritisieren uns auch noch dafür, dass wir gerade gestresst, verärgert oder überfordert sind.


Was mir dann hilft

Mir hilft zuerst, überhaupt zu merken: Ah. Da bin ich gerade.

Manchmal merke ich es an meinen Gedanken, manchmal am Körper. An den hochgezogenen Schultern, an der Unruhe, am Kreisen im Kopf oder daran, dass ich plötzlich sehr dringend noch fünf Dinge erledigen muss.

Und dann versuche ich nicht immer sofort, alles zu verstehen. Manchmal hilft Denken. Manchmal hilft eher aufstehen, rausgehen, essen, schlafen, Yoga machen oder einfach für einen Moment nichts entscheiden.

Wenn etwas mehr Ruhe da ist, kann ich oft besser hinschauen: Was ist eigentlich los? Was brauche ich gerade? Gibt es etwas, das ich sagen, lassen, ändern oder vielleicht auch wiedergutmachen möchte? Oder ist es gerade wie es ist und darf so sein, ohne dass ich etwas tun "muss"?



Selbstführung ist kein Dauerzustand

Für mich bedeutet Selbstführung nicht, immer souverän zu reagieren. Und auch nicht, mich jederzeit im Griff zu haben.

Es bedeutet eher, mich selbst immer besser kennenzulernen. Früher zu merken, was mit mir passiert. Mehr Möglichkeiten zur Verfügung zu haben. Und nach und nach herauszufinden, was mir in welchen Situationen tatsächlich hilft.

Manchmal gelingt mir das früh. Manchmal spät. Manchmal gar nicht.

Vielleicht gehört genau das dazu: Ich muss es nicht immer besser können, nur weil ich mich beruflich damit beschäftige. Ich darf selbst immer wieder üben und dabei merken, wie anspruchsvoll das Menschsein manchmal ist.


Kennst du diesen Gedanken auch: «Das sollte ich doch eigentlich besser können»?

 
 
 

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