Gewaltfreie Kommunikation mit Kindern und Jugendlichen
- NBJ Coaching und Seminare
- 29. Feb. 2024
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 5. Nov. 2025
Gewaltfreie Kommunikation (GFK) ist in meiner Erfahrung kein Werkzeug, mit dem ich alle Konflikte mit meinem Kind oder Jugendlichen vermeiden kann und auch keine Methode, um Kinder „besser zu erziehen“. Sie ist eine Haltung, die uns einlädt, menschlich und echt in Beziehung zu gehen und zwar mit den Kindern, Jugendlichen und vor allem auch mit uns selbst.
Konflikte als Chance für Beziehung
Konflikte verhindern? Das ist nicht das Ziel, denn sie sind Teil der menschlichen Entwicklung. Vielmehr geht es darum, diese konstruktiv zu begleiten. Ein Kind, das „Nein!“ schreit, verteidigt gerade sein Bedürfnis nach Autonomie. Ein Teenager, der sich im Zimmer einmummelt und mit Freunden chattet, sucht seinen Platz in der Welt. Ein Elternteil, das laut wird, versucht gerade, die eigene Ohnmacht zu regulieren und sehnt sich nach Wirksamkeit oder Verbindung.
Wenn wir in diesen Momenten haltungsmässig nicht gegeneinander, sondern miteinander bleiben, entsteht Nähe selbst mitten im Sturm. Dann sind Konflikte keine Schlachtfelder mehr, sondern Momente, in denen wir uns gegenseitig zeigen, was uns wirklich wichtig ist. Viele Informationen zum Thema Konflikte mit Kindern und Teenagern finden sich hier.
Wenn Wut und Aggression auftauchen
Es gibt diese Augenblicke, in denen alles zu viel ist. Das Baby schreit, die Zeit drängt, und plötzlich spürst du, wie in dir die Hitze aufsteigt. Du willst ruhig bleiben, doch es gelingt nicht. Die Stimme wird lauter, die Hände vielleicht unruhig, und im Nachhinein kommt die Scham: „Ich wollte das doch anders machen.“
Ich kenne das. Aggression ist eine kraftvolle Energie/Reaktionsform. Sie zeigt uns, dass ein Bedürfnis gerade unerfüllt ist, z.B. nach Einfluss, nach Ruhe, nach Sicherheit, nach Gesehenwerden. Wenn wir sie unterdrücken, staut sie sich. Wenn wir sie ausleben, verletzt sie. Wenn wir sie verstehen, kann sie sich verwandeln.
Sowohl Eltern als auch Kinder und Teens erleben diesen inneren Druck. Ein Wutanfall ist kein Zeichen von Ungehorsam, sondern von Überforderung. Ein Kind oder auch ein Elternteil, das schreit, sagt im Grunde:
„Ich weiss nicht, wohin mit all dem, was in mir tobt.“
In der Gewaltfreien Kommunikation geht es darum, dieses Ungesagte hörbar zu machen und zwar bei unseren Kindern und bei uns selbst.
Wenn ich sage: „Ich bin wütend, weil ich gerade überfordert bin und mir Unterstützung wünsche“,übernehme ich Verantwortung, ohne mich oder andere zu beschuldigen.
Wenn ich meinem Kind sage: „Du bist richtig wütend, weil du selbst entscheiden willst, stimmt’s?“ Dann erlebt es: Meine Gefühle sind willkommen. Ich bin sicher.
Grenzen
Viele Eltern glauben, Gewaltfreiheit bedeute, keine Grenzen zu setzen. Doch das Gegenteil ist meiner Meinung nach der Fall: Die eigenen Grenzen zu erkennen und zu benennen ist eine Voraussetzung für Frieden. Wie meine ich das?
Wenn wir „Nein“ sagen, ohne zu bestrafen oder zu kontrollieren, sondern weil wir Verantwortung übernehmen, schaffen wir Sicherheit. Ein liebevolles Nein schützt das Kind und uns selbst.

Ich erinnere mich an eine Mutter, die mir erzählte, wie ihr Sohn abends immer wieder bat: „Bitte, nur noch eine Folge!“ Sie war müde, wollte einfach Ruhe, und jedes Mal gab es Diskussionen. Eines Abends atmete sie tief durch und sagte ruhig: „Ich verstehe, du möchtest weiterschauen, weil es gerade spannend ist. Und ich brauche jetzt Zeit für mich, um den Tag loszulassen. Für heute ist Schluss.“
Er reagierte mit Protest, schrie. Aber sie blieb ruhig, ohne zu drohen oder zu erklären. Nach ein paar Minuten kam er zu ihr, lehnte sich an sie und fragte: „Kannst du mir noch was vorlesen?“
Das war kein Sieg der Mutter über das Kind, sondern ein Moment echter Beziehung. Sie konnte zu sich stehen und gleichzeitig ihr Kind lieben. Ein Nein, das nicht getrennt hat, sondern hält.
Seien wir ehrlich: So läuft es nicht immer. Oft kippt der Ton, die Geduld reisst, die Grenze kommt zu spät oder zu hart. Es gibt Tage, da merke ich erst im Nachhinein, dass mein „Nein“ mehr mit Erschöpfung als mit Klarheit zu tun hatte. Dann mache ich mir Vorwürfe, schäme mich und fühle mich schuldig.
Und auch (und gerade) hier liegt das Herz der Gewaltfreien Kommunikation: Nicht im fehlerfreien Reagieren, sondern im bewussten Hinsehen. Im Mut, nach einem Konflikt wieder in Kontakt zu gehen. Wenn ich z.B. sage:
„Vorhin war ich laut. Ich war überfordert. Das tut mir leid.“
Dann wird aus einem schwierigen Moment ein Lern- und Kontaktmoment für beide.
Wenn körperliche Gewalt passiert
Darüber zu sprechen fällt schwer. Körperliche Gewalt geschieht selten aus Absicht. Sie entsteht, wenn Worte fehlen, wenn die Erschöpfung zu gross wird, wenn der innere Druck überläuft.
Ich war in solchen Momenten, in denen ich meine Grenze verloren habe, obwohl ich es besser wusste. Danach kamen Scham, Schmerz und die Frage, wie ich wieder in Verbindung kommen kann. Ich finde: Schweigen hilft nicht. Ehrlichkeit und Verantwortung übernehmen schon.
Wenn du dich in einem solchen Moment wiederfindest, gibt es konkrete Schritte, die du tun kannst:
Halte inne. Atme. Nimm wahr, was gerade passiert ist. So banal es klingt: bewusst atmen hilft, das Nervensystem zu beruhigen, bevor du weiter handelst.
Sorge für Sicherheit. Wenn dein Kind erschrocken oder verletzt ist: Geh auf Abstand, wenn du merkst, dass du dich nicht sofort regulieren kannst. Sorge zuerst dafür, dass niemand weiter gefährdet ist.
Übernimm Verantwortung ohne dich zu vernichten. Später, wenn Ruhe einkehrt, kannst du sagen: „Ich habe dich fest angefasst / angeschrien. Das war nicht in Ordnung. Es tut mir leid. Ich möchte verstehen, was da passiert ist.“ Damit zeigst du deinem Kind: Du stehst zu deinem Verhalten, ohne es zu rechtfertigen und du bleibst in Verbindung.
Suche Unterstützung. Wenn du merkst, dass die Spannung oder Erschöpfung immer wieder so gross wird, dass du die Kontrolle verlierst: Hol dir Hilfe. Das kann ein Gespräch mit einer Fachperson, einer Vertrauensperson oder einer Familienberatung sein. Hilfe zu holen ist kein Versagen, sondern Verantwortung. Darüber zu sprechen löst das Stigma auf und du merkst, dass du nicht allein und nicht das schlimmste Elternteil auf der Welt bist. Als Frau noch der Hinweis: Bei vermehrter Gereiztheit lohnt sich das Gespräch mit einer guten Gynäkologin/ einem guten Gynäkologen. Oft crashen die Hormonschwankungen der Wechseljahre die elterliche Gelassenheit.
Reflektiere mit Mitgefühl. Gewaltfreie Kommunikation lädt ein, auch hier hinzuschauen:
Was habe ich in dem Moment gefühlt?
Welches Bedürfnis war unerfüllt?
Was könnte mir helfen, beim nächsten Mal früher innezuhalten? Selbstempathie (siehe weiter unten) ist kein Freibrief, sondern der Weg, die Gewalt zu transformieren.
Wenn körperliche Gewalt wiederholt vorkommt, oder wenn ein Kind verletzt oder dauerhaft verängstigt ist, braucht es professionelle Unterstützung zum Schutz des Kindes und zur Entlastung des Erwachsenen. Niemand sollte damit allein bleiben.
GFK in der Pubertät: Macht teilen, Vertrauen leben
Mit Jugendlichen ist Kommunikation oft ein Tanz zwischen Nähe und Distanz. Sie wollen entscheiden, ausprobieren, sich abgrenzen. Eltern wollen Sicherheit, Verantwortung und Respekt.
Diese unterschiedlichen Bedürfnisse wollen gesehen und anerkannt werden, ohne in Machtkämpfe zu geraten. Es geht nicht darum, alles auszudiskutieren, sondern Macht mit statt Macht über zu leben.
Wenn wir sagen: „Ich möchte, dass du sicher bist, und du möchtest selbst entscheiden. Wie können wir beides unter einen Hut bringen?“dann kann ein Dialog entstehen, in dem beide Seiten zählen.
Selbstempathie: Der Schlüssel
Wir können nur so viel Empathie geben, wie wir uns selbst zugestehen. Wenn wir unsere eigenen Gefühle ernst nehmen: Wut, Müdigkeit, Zweifel, Angst – dann wächst in uns Raum für Verständnis.
Selbstempathie bedeutet, mit sich selbst in Kontakt zu bleiben, gerade wenn man glaubt, man sei „zu viel“ oder „nicht genug“. Sie ist das Fundament, auf dem wir Beziehung gestalten.
Oft beginnt Gewaltfreiheit nicht im Gespräch mit dem Kind, sondern in dem Moment, in dem Eltern sich selbst sagen: „Ich habe mein Bestes gegeben. Und ich darf es morgen wieder versuchen.“
Good Enough Parenting: Menschlich, nicht perfekt
Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Sie brauchen Menschen, die sich zeigen, die Fehler machen und Verantwortung dafür übernehmen.

Wie das alles im Alltag aussehen kann, zeigen die folgenden Beispiele.
Praktische Beispiele: Dialoge mit GFK
1. Beispiel: Das Glacé-Problem
„Klassischer Dialog“
Kind: „Ich will jetzt ein Glacé!“
Elternteil: „Nein, wir haben gerade gegessen. Es ist spät, und du musst schlafen gehen.“
Kind: „Das ist gemein! Du lässt mich nie, was ich will!“
Elternteil: „Ich bin deine Mutter/dein Vater und weiss, was das Beste für dich ist.“
→ Kind schreit, weint, wirft sich auf den Boden.
„GFK-Dialog“
Kind: „Ich will jetzt ein Glacé!“
Elternteil: „Du möchtest jetzt ein Glacé. Ich sage ‚nein‘, weil es spät ist und wir gerade gegessen haben. Aber morgen können wir uns eins holen.“
Kind: „Aber ich will jetzt eins haben!“
Elternteil: „Uff, du bist gerade enttäuscht?“
Kind: „Ja! Ich will es jetzt haben!“
Elternteil: „Du möchtest sofort geniessen und selbst entscheiden, was du machst, oder?“
Kind: „Ja!“
Elternteil: „Ich verstehe. Jetzt gibt es kein Glacé mehr. Was hältst du davon, wenn wir es aufschreiben und morgen daran denken? Und heute Abend können wir zusammen eine Geschichte lesen – du darfst aussuchen, welche.“
→ Das Kind fühlt sich gehört, auch wenn es nicht seinen Willen bekommt.
Mögliche Reaktion des Kindes
Auch wenn das Kind sich gehört fühlt, kann es sein, dass es trotzdem weint, schreit oder seinen Frust lautstark ausdrückt. Das ist normal und ein Teil des Verarbeitungsprozesses. Kinder haben oft noch nicht die Fähigkeit, ihre Enttäuschung anders zu regulieren.
Was Eltern tun (oder lassen) können:
Bleibe ruhig und präsent: Signalisiere deinem Kind durch deine Haltung, dass seine Gefühle willkommen und in Ordnung sind.
Vermeide es, die Entscheidung zu revidieren: Halte deine Grenze klar, auch wenn es schwierig ist. Ein "Nachgeben" aus Unsicherheit würde für das Kind verwirrend wirken.
Widerstehe der Versuchung, zu trösten oder abzulenken: Kommentare wie „Ist doch nicht so schlimm“ oder schnelle Ablenkungen nehmen dem Kind die Möglichkeit, seinen Frust zu fühlen und loszulassen.
Bleib empathisch: „Ja, das ist gerade wirklich frustrierend für dich. Ich bin bei dir.“
Tipp: Kinder lernen mit der Zeit, dass sie ihre Gefühle ausdrücken dürfen, ohne dafür verurteilt zu werden. Diese Erfahrung gibt ihnen Sicherheit und stärkt ihre Fähigkeit, später mit Enttäuschungen umzugehen.
2. Beispiel: Teenager und die Party

„Klassischer Dialog“
Teenager: „Ich will unbedingt auf die Party gehen!“
Elternteil: „Nein, es ist spät, und du hast noch Hausaufgaben. Es ist mir zu gefährlich.“
Teenager: „Das ist unfair! Du lässt mich nie etwas machen!“
Elternteil: „Ich entscheide, was das Beste für dich ist. Du bleibst zu Hause.“
→ Teenager stampft ins Zimmer und knallt die Tür zu.
„GFK-Dialog“
Teenager: „Ich will unbedingt auf die Party gehen!“
Elternteil: „Du möchtest gerne auf die Party. Ich sage ‚nein‘, weil es spät ist und du noch Hausaufgaben hast. Ausserdem mache ich mir Sorgen um deine Sicherheit.“
Teenager: „Aber alle anderen dürfen gehen!“
Elternteil: „Du bist frustriert, weil es dir wichtig ist, dabei zu sein, stimmt’s?“
Teenager: „Ja! Ich will nicht immer zu Hause bleiben!“
Elternteil: „Verstehe. Du möchtest mehr Freiheit und Selbstbestimmung?“
Teenager: „Ja!“
Elternteil: „Ich möchte nicht, dass du jetzt gehst. Aber am Wochenende können wir überlegen, wie du deine Freunde treffen kannst, so dass es euch Spass macht und ich auch wohl bin. Klingt das fair?“
→ Der Teenager wird nicht sofort zufrieden sein, aber der Dialog bleibt respektvoll.
3 Tipps für gelassenere Elternschaft
➡ Akzeptiere die Unvollkommenheit
Fehler sind normal. Bei Erwachsenen wie bei Kindern. Erziehung ist ein Prozess, kein perfektes Endergebnis.
➡ Praktiziere Selbstfürsorge
Wenn Eltern gestresst sind, sollten sie sich bewusst um ihre eigene Balance kümmern. Das schafft Geduld und Klarheit in der Begleitung der Kinder.
➡ Bewusst Kommunizieren beginnt mit Zuhören
Zuhören, ohne sofort zu bewerten, stärkt die Verbindung. Je älter Kinder werden, desto mehr fungieren Eltern als Coaches, die Fragen stellen und Raum für eigenständige Entscheidungen schaffen.
Für die Ohren
In einem 50-minütigen Podcast (auf Schweizerdeutsch) spreche ich über Gewaltfreie Kommunikation in der Erziehung. Jetzt anhören!
Gewaltfreie Kommunikation in der Elternschaft ist also nicht das Ziel, sondern ein Weg. Einer, auf dem wir lernen, uns selbst und unsere Kinder mit Mitgefühl zu sehen; auch und gerade dann, wenn sie oder wir "schwierig" sind.
Jede ehrliche Begegnung ist meiner Meinung nach ein Schritt hin zu mehr Verbindung, Verständnis und Frieden.
Mehr zu GFK- und anderen Seminaren für Eltern findest du hier.




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