Jenseits der Mehrheit: Systemisches Konsensieren als demokratische Alternative
In demokratischen Entscheidungsprozessen kommt häufig das Mehrheitsprinzip zum Einsatz: Der Vorschlag mit den meisten Stimmen setzt sich durch. Dieses bewährte Verfahren ermöglicht klare Entscheidungen. Gleichzeitig kann es dazu führen, dass die Anliegen einer erheblichen Minderheit wenig Berücksichtigung finden. Bei einer knappen Abstimmung können bis zu 49 % der Beteiligten eine andere Lösung bevorzugen. Dies kann zu Spannungen führen.
Das Systemische Konsensieren (SK) bietet eine ergänzende Möglichkeit, gemeinsam Entscheidungen zu treffen. Dabei stehen die Bedenken und Einwände aller Beteiligten im Mittelpunkt. Anstatt nach der grössten Zustimmung zu suchen, wird ermittelt, welcher Vorschlag auf den geringsten Widerstand stösst. So können Lösungen entstehen, die von möglichst vielen Beteiligten mitgetragen werden.

Was ist Systemisches Konsensieren?
Systemisches Konsensieren (SK) ist eine Methode, mit der Gruppen gemeinsam Entscheidungen treffen können. Sie ermöglicht es, unterschiedliche Meinungen und Bedenken einzubeziehen und Lösungen zu finden, die von möglichst vielen Beteiligten mitgetragen werden.
Das Verfahren eignet sich beispielsweise für Teams, Organisationen, Vereine oder andere Gruppen, die gemeinsam entscheiden möchten.
Das Besondere daran: Statt zu fragen, wer für einen Vorschlag ist, wird ermittelt, wie gross der Widerstand gegen die einzelnen Vorschläge ist.
💡 Auf den Punkt gebracht: Der Vorschlag mit dem geringsten Gesamtwiderstand kommt einem Konsens innerhalb der Gruppe am nächsten.
Die Ursprünge des Systemischen Konsensierens
Das Systemische Konsensieren wurde von den österreichischen Systemanalytikern Erich Visotschnig und Siegfried Schrotta entwickelt. Sie beschäftigten sich seit den 1970er-Jahren mit der Frage, wie Gruppen Entscheidungen treffen können, ohne dass sich einzelne Personen oder Mehrheiten gegenüber anderen durchsetzen müssen.
Aus ihrer Zusammenarbeit entstand das SK-Prinzip, das sie in den folgenden Jahrzehnten weiterentwickelten.
💡 Gut zu wissen: Damit das Verfahren gelingt, sollten alle Beteiligten verstehen, wie es funktioniert, und bereit sein, sich darauf einzulassen. Ein respektvoller Umgang miteinander erleichtert den Prozess.
So funktioniert Systemisches Konsensieren
1. Fragestellung klären
Zunächst legt die Gruppe fest, worüber sie entscheiden möchte. Die Frage sollte offen formuliert sein und verschiedene Lösungen ermöglichen.
Beispiel: «Wie möchten wir unsere zukünftigen Teamsitzungen gestalten?»
2. Vorschläge sammeln
Alle Beteiligten können Lösungsvorschläge einbringen. Diese werden gesammelt und so formuliert, dass sie für alle verständlich sind.
Auch die Passivlösung wird aufgenommen. Sie beschreibt, was geschieht, wenn die Gruppe nichts verändert oder vorerst keine Entscheidung trifft.
3. Widerstand bewerten
Jede Person bewertet jeden Vorschlag. Dafür wird üblicherweise eine Skala von 0 bis 10 verwendet:
0 Punkte: Kein Widerstand. Mit dieser Lösung kann ich gut leben.
10 Punkte: Maximaler Widerstand. Diese Lösung ist für mich nicht akzeptabel.
Die Werte dazwischen drücken aus, wie gross die jeweiligen Bedenken sind.
Dabei kann eine Person mehreren Vorschlägen denselben Wert geben. Es geht um die persönliche Einschätzung jedes einzelnen Vorschlags.
4. Widerstandswerte zusammenzählen
Die Widerstandspunkte aller Beteiligten werden für jeden Vorschlag addiert.
Der Vorschlag mit der niedrigsten Summe verursacht innerhalb der Gruppe den geringsten Gesamtwiderstand.
5. Ergebnis besprechen und entscheiden
Die Gruppe betrachtet das Ergebnis und entscheidet über das weitere Vorgehen. Je nach vereinbartem Verfahren kann der Vorschlag mit dem geringsten Widerstand direkt gewählt oder als Grundlage für die weitere Entscheidungsfindung verwendet werden.
Auch der Vergleich mit der Passivlösung ist aufschlussreich: Erzeugt das Beibehalten der bisherigen Situation weniger Widerstand als alle Veränderungsvorschläge, lohnt es sich möglicherweise, weitere Lösungen zu suchen.
Zwei Ergänzungen
Wenn ich Systemisches Konsensieren mit Gruppen anwende, lege ich besonderen Wert auf zwei Aspekte.
1. Die Passivlösung bewusst einbeziehen
Ich frage die Gruppe: «Was geschieht, wenn wir nichts verändern und alles so lassen, wie es ist?»
Diese Frage kann neue Perspektiven eröffnen. Manchmal wird deutlich, dass der Wunsch nach Veränderung gross ist. Manchmal zeigt sich aber auch, dass die bisherige Situation durchaus Vorteile hat.
Die Passivlösung bietet einen Vergleichsmassstab und hilft, die anderen Vorschläge besser einzuordnen.
2. Die Gründe für Widerstände verstehen
Nachdem der Vorschlag mit dem geringsten Gesamtwiderstand ermittelt wurde, interessiert mich besonders, welche Bedenken noch bestehen.
Was macht es einzelnen Personen schwer, diesen Vorschlag mitzutragen? Welche Bedürfnisse oder Anliegen stehen dahinter? Was müsste sich verändern, damit die Lösung für sie akzeptabler wird?
Gemeinsam mit der Gruppe suche ich nach Möglichkeiten, diese Bedenken zu berücksichtigen.
So kann aus einer bereits gut akzeptierten Lösung eine noch tragfähigere Entscheidung entstehen.
Beispiele aus der Praxis
Mit Kindern: Wohin soll der Ausflug gehen?
Eine Kitagruppe möchte gemeinsam entscheiden, wohin der nächste Ausflug führt. Drei Ziele stehen zur Auswahl:
Wasserspielplatz
Wald
Garten
Die Kinder zeigen, wie gross ihr Widerstand gegen die einzelnen Vorschläge ist. Dazu können sie ihre Finger, Bausteine oder andere spielerische Hilfsmittel verwenden.
Eine Möglichkeit ist die Igelfrage:
«Stell dir vor, du bist ein Igel. Wie viele Stacheln stellst du bei diesem Vorschlag auf?»
Je mehr Stacheln, desto grösser der Widerstand.
Die Stacheln werden für jeden Vorschlag zusammengezählt. Der Ausflugsort mit den wenigsten Stacheln wird ausgewählt.
💡 Tipp: Mit einer altersgerechten und spielerischen Umsetzung eignet sich Systemisches Konsensieren auch für Kinder. Entscheidend ist, dass sie verstehen, was sie bewerten, und ihre Meinung selbstständig ausdrücken können.
Im Berufsalltag: Welches Software-Tool soll eingeführt werden?
Ein Team möchte ein neues Software-Tool einführen, um die Zusammenarbeit zu erleichtern. Zur Auswahl stehen vier Lösungen:
Tool A: Viele Funktionen, aber hohe Kosten.
Tool B: Kostengünstig, aber kompliziert in der Bedienung.
Tool C: Einfach zu bedienen, aber mit eingeschränkten Funktionen.
Tool D: Ein Kompromiss zwischen Kosten, Funktionen und Benutzerfreundlichkeit.
Passivlösung: Das Team arbeitet weiterhin mit der bisherigen Software.
Alle Teammitglieder bewerten die Vorschläge auf einer Skala von 0 bis 10.
Die addierten Widerstandspunkte ergeben beispielsweise:
Das Ergebnis: Tool D verursacht mit 12 Punkten den geringsten Gesamtwiderstand.
Vielleicht ist Tool D für niemanden die persönliche Lieblingslösung. Dennoch ist es die Variante, gegen die insgesamt die wenigsten Bedenken bestehen.
Das Team bespricht anschliessend die verbleibenden Widerstände. Falls beispielsweise bestimmte Funktionen fehlen, könnte eine ergänzende Software oder eine Anpassung des Arbeitsablaufs helfen.
Dadurch steigt die Chance, dass die Entscheidung von den Beteiligten mitgetragen und im Alltag umgesetzt wird.
Systemisches Konsensieren und Gewaltfreie Kommunikation
Systemisches Konsensieren (SK) und Gewaltfreie Kommunikation (GFK) ergänzen sich gut.
Beide Ansätze geben den Anliegen aller Beteiligten Raum und unterstützen einen respektvollen Umgang mit unterschiedlichen Sichtweisen. Besonders interessant finde ich vier Gemeinsamkeiten:
1. Bedürfnisse berücksichtigen
In der Gewaltfreien Kommunikation stehen die Bedürfnisse aller Beteiligten im Mittelpunkt. Auch hinter Widerständen gegen bestimmte Vorschläge können unerfüllte Bedürfnisse stehen.
Beispielsweise könnte der Widerstand gegen eine neue Software mit dem Bedürfnis nach Sicherheit, Verlässlichkeit oder Einfachheit zusammenhängen.
Die GFK hilft, diese Bedürfnisse zu erkennen und verständlich auszudrücken.
2. Einwände ernst nehmen
Sowohl die GFK als auch das SK laden dazu ein, unterschiedliche Sichtweisen anzuhören.
Einwände sind dabei wertvolle Informationen. Sie können auf Aspekte aufmerksam machen, die bisher übersehen wurden.
3. Gemeinsam Lösungen entwickeln
Die GFK unterstützt dabei, zwischen Bedürfnissen und möglichen Strategien zu unterscheiden.
Das SK bietet ein strukturiertes Verfahren, um verschiedene Lösungsvorschläge miteinander zu vergleichen und ihren Widerstand zu erfassen.
Zusammen ermöglichen sie einen Entscheidungsprozess, in dem die Beteiligten ihre Anliegen einbringen und gemeinsam nach tragfähigen Lösungen suchen können.
4. Zusammenarbeit stärken
Wer erlebt, dass die eigenen Bedenken gehört und berücksichtigt werden, kann eine gemeinsame Entscheidung oft leichter mittragen.
Die Verbindung von SK und GFK kann dazu beitragen, gegenseitiges Verständnis zu schaffen und die Zusammenarbeit auch bei unterschiedlichen Meinungen zu erleichtern.
Hilfsmittel und weiterführende Informationen
Beispiele für Online-Konsensierungs-Tools
Vertiefung
Eine umfassendere Beschreibung der Methode gibt es auf partizipation.at.



