Feldnotizen aus dem Leben: Zugfahrt
- NBJ Coaching und Seminare
- 7. Nov. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Ein Klient erzählt mir von einer Zugfahrt, in der einige Reihen weiter jemand so laut telefonierte, dass alle mithören konnten. Er war müde vom Tag und hatte sich auf ein paar Minuten Ruhe gefreut. Und dann dieser Lärm.
Er beschreibt, wie in ihm sofort eine Mischung aus Ärger und Erschöpfung hochkam und der Gedanke auftauchte: „Das ist doch einfach ungeheuerlich, geht’s noch?“ Fast gleichzeitig bemerkte er, wie sein Körper reagierte, und mit ein paar bewussten Atemzügen kam ein anderer Gedanke dazu: „Ich brauche gerade wirklich einen Moment für mich.“
Er sass zuerst still da, spürte seinen Körper und merkte, wie die Anspannung trotzdem weiter anstieg. Er überlegte, ob er etwas sagen sollte. Er hätte es gern getan, gleichzeitig wusste er, dass seine Energie an diesem Tag begrenzt war, vor allem für mögliche Diskussionen.
Schliesslich entschied er sich für einen Platzwechsel.
Rückblickend sagte er: „Es fühlte sich gut an, eine Wahl zu haben.“
Mit etwas Abstand kamen weitere Gedanken dazu. Wie unterschiedlich die Geschichten sein können, die Menschen in solchen Situationen mit sich tragen. Vielleicht war das Gespräch dringend. Vielleicht war es Gedankenlosigkeit. Vielleicht war die andere Person selbst unter Druck.
Diese Überlegungen machten die Situation nicht plötzlich angenehm. Sie führten auch nicht zu einem inneren „alles ist gut“. Aber sie halfen ihm, sich innerlich nicht weiter hochzuschaukeln.

Foto: Bruno Curly via pexels.com
🦒 Tipp:
Das Thema hat in meiner Erfahrung hohe Aktualität. Je nach Situation, Tagesform und innerem Zustand können unterschiedliche Wege hilfreich sein:
Den Blick bewusst auf etwas Ruhiges lenken. Die Landschaft, ein Baum, ein Muster am Sitz oder die eigenen Hände können dem Nervensystem Halt geben und die Intensität etwas senken.
Platz wechseln. Oft die einfachste und wirksamste Möglichkeit, ohne Konfrontation und ohne sich selbst zu überfordern.
Kopfhörer aufsetzen, auch ohne Musik. Allein das Gefühl, etwas zwischen sich und den Lärm zu legen, schafft bei vielen mehr innere Distanz.
Ansprechen, wenn genug Kraft da ist. Zum Beispiel: „Entschuldigung, ich habe einen langen Tag hinter mir. Wäre es möglich, etwas leiser oder mit Kopfhörer zu sprechen?“ Der Ton macht hier einen grossen Unterschied, und viele Menschen reagieren darauf kooperativer, als man erwartet.
Den Atem verlängern. Ein längerer Ausatem wirkt bei vielen unmittelbar regulierend.
Eine Mikro Pause für den Körper. Schultern bewegen, Hände lockern, kurz aufstehen und wieder hinsetzen. Solche kleinen Bewegungen unterbrechen die Stresskurve.
Eine innere Grenze setzen. Ein Satz wie: „Ich muss das nicht mögen, aber ich kann mich schützen“ kann Stabilität geben und das Gefühl von Ohnmacht reduzieren.
Wenn es gar nicht geht: den Waggon wechseln. Manchmal ist der grösste Akt der Selbstfürsorge, sich bewusst in eine andere Umgebung zu setzen.
Keine dieser Möglichkeiten ist die richtige oder falsche. Es geht um Wahlmöglichkeiten statt Durchhalten oder Erdulden. Was zählt, ist das, was in diesem Moment für dich machbar ist.



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