Entschuldigst du noch oder bedauerst du schon?

Aktualisiert: 31. Okt.

Nehmen wir an ...


... jemand hat etwas getan, was mich verletzt hat.

oder:

... Ich habe etwas getan, was die andere Person verletzt hat.

In solchen Fällen liegt unser Fokus meistens auf dem Fehler; dem, was falsch oder schlecht war. Den Fehler machen wir in unserem Sprachgebrauch mit einer «Entschuldigung» wieder gut. Im Wort «Entschuldigung» steckt der Begriff «Schuld».


Die GFK hat den Fokus nicht darauf, was «richtig», «falsch», «gut», «schlecht» ist, oder wer «Schuld» hat. Sie geht davon aus, dass hinter allem, was jemand tut, ein unerfülltes Bedürfnis steckt. Dieses wollte die Person sich mit der Handlung erfüllen. Die gewählte Handlung (Strategie) war in diesem Fall eine, welche sich nicht in Übereinstimmung mit den Bedürfnissen des Gegenübers verhalten hat. Anstatt mich selbst oder mein Gegenüber zu verurteilen, empfiehlt die GFK Folgendes: die Gefühle und Bedürfnisse (des Gegenübers und die eigenen) in der Situation zu suchen und dann die Handlung zu bedauern.


Wie könnte das konkret aussehen?


Eine Situation (anonymisiert):

"Ich sass mit einer Freundin zusammen, die mir von einem Erlebnis berichtete. Mitten in ihrer Schilderung bin ich ihr ins Wort gefallen indem ich den Satz für sie fertig formuliert habe.


„Lass. Mich. Ausreden!“


war ihre Reaktion. Sofort war ich still – und eingeschnappt. Sie erklärte mir, warum es für sie so schwer war, auf diese Weise unterbrochen zu werden. Gerade wollte ich damit beginnen, mich zu rechtfertigen und zu sagen, dass ich doch keine böse Absicht gehabt hätte und dass sie nicht so aggressiv reagieren soll.


Zum Glück habe ich mich an die Tipps des GFK-Kurses erinnert: Erstmal tief durchatmen. Ich realisierte, dass ich keinen Streit wollte, sondern den Austausch mit ihr geniessen.


Etwas gehemmt habe ich es mit dem "Bedauern" versucht:

Zuerst ihr wiedergeben, was ich von ihr verstanden habe: dass sie es in ihrer Beziehung jahrelang schwer gehabt hatte, gehört zu werden. Dass es ihr wichtig sei, für sich zu sprechen und ihren Raum zu haben. Dann die Frage, ob ich das so in etwa richtig verstanden hätte. „Ja, und ich weiss, dass ich das ganz schön ruppig rüberbringe, das tut mir leid“, war ihre Antwort. Anschliessend konnte ich ihr erklären, was ihre Reaktion in mir ausgelöst hatte und wie es überhaupt zu meinem Dazwischenreden gekommen war, und wie leid es mir tat, dass ich in manchmal nicht die Achtsamkeit ihr gegenüber hätte, wo ich doch wüsste, dass sie das nicht ausstehen könne.


Nach diesem Wortwechsel: was für eine Erleichterung für beide! Da waren keine schlechten Gefühle mehr und wir konnten zu unserem ursprünglichen Gespräch zurückkehren. Ich feiere immer noch, dass es mir in diesem Moment gelungen ist, aus meinem alten Schmollmuster auszubrechen!"



Hast du eigene Erfahrungen zu diesem Thema? Ich freue mich auf deine Rückmeldung.

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