Literaturtipp: "Mit Ignoranten sprechen"

«Mit Ignoranten sprechen» ist ein Sachbuch (ISBN: 978-3-593-51080-4) von Peter Modler, welches 2019 im Campus Verlag erschienen ist. Zufällig durch eine Empfehlung darauf gestossen, ist es für mich mittlerweile zu einem wertvollen Handbuch für Kommunikation in stark hierarchischen Betrieben oder mit bestimmten Personen, die ich "unmöglich" finde, geworden.


Der Autor analysiert darin,wie und weshalb Menschen, die inhaltlich klar unterlegen sind, öffentliche oder firmeninterne Settings massiv stören können. Er bezieht sich auf Deborah Tannens Unterscheidung zwischen dem «vertikalen» Kommunikationssystem, welches einer hierarchischen Struktur folgt und die Achsen «Rang» und «Revier» anspricht, und dem «horizontalen» System, bei dem es um «Inhalt» und «Zugehörigkeit»geht.



Worum geht`s?


Das Buch richtet sich an Vertreter des horizontalen Systems. Modler beschreibt anhand zahlreicher

Beispiele,welche Muster und Eskalationsstufen es innerhalb des Spannungsfelds «horizontal–verti-

kal» gibt, wie man sie erkennt und auf welche Art auf Störungen wirksam reagiert werden kann. Hierbei ist keines der beiden Systeme «richtig» oder «falsch». Vielmehr haben beide Ihre Stärken und Schwächen, die situativ genutzt werden können,um Missverständnisse zu verhindern sowie die Produktivität zusteigern.

Aufbau und Leseerfahrung


Der Inhalt wird auf klare und humorvolle Art vermittelt. Modler erläutert ganz zu Beginn und dann

nochmals im Verlaufe des Buches, was für ihn ein «Ignorant» ist. Damit räumt er das Provokative,

moralisch Verurteilende des Buchtitels nicht nur aus dem Weg, sondern gibt ihm eine überraschende Wendung. Generell muten die etiketthaften Bezeichnungen der Vertreter der beiden Sprachsysteme («vertikale»/ «horizontale», «hierarchieaffine», «communityorientierte» Menschen) für mich zuweilen anstrengend an.


Die Kapitel sind verständlich gegliedert und kompakt. Machen die jeweiligen Überschriften z.T.an-

fangs wenig Sinn,werden sie jeweils schlüssig erläutert. Obschon Modler mit seinen Formulie-

rungen kein Blatt vor den Mund nimmt, bleibt er in der Haltung wertschätzend. Er kombiniert unter-

schiedliche Quellen und seine eigene Erfahrung zu einem hilfreichen Handbuch. Einige der beschriebenen Beispiele sind in den Quellenangaben hinterlegt, so dass man sich die Videos anschauen und, wie bei einer Demonstration, am Beispiel lernen kann. Allerdings wäre hier eine nachvollziehbarere Reihenfolge und konkretere Angaben (z.B. in welcher Minute des Videos sich eine Szene abspielt, insbesondere wenn es 90 oder mehr Minuten lang ist) hilfreich. Generell sind die alphabetisch geordneten, im Text nicht referenzierten Literatur- und Quellenangaben nicht wirklich nützlich. Während ich nach einigen im Text erwähnten Quellen vergebens gesucht habe, scheinen andere Quellen im Verzeichnis völlig bezugslos dazustehen. Doch selbst wenn man aufs Video Schauen verzichtet, sind die Settings und körperlichen, mimischen oder verbalen (Re-) Aktionen der Protagonisten so bildhaft beschrieben, dass man sich die Szenen sehr gut vorstellen kann.


Kommunikation auf der Business-Bühne


Modler weist dem räumlichen Aspekt einen hohen Stellenwert zu. Er erklärt, dass diese von ihm beschriebenen, bewusst oder unbewusst herbeigeführten Sprachsystem-Störungen immer auf einer Bühne stattfinden, z.B. im Bürodes Chefs, im Schulzimmer, am Empfang einer Organisation, während einer Wahlkampfdebatteoder einer Parlamentssitzung. Wer sich dessen bewusst ist und entsprechend auftritt, ist klar im Vorteil.


Fazit


Ich empfehle dieses Buch, weil ich, mit meinem Fokus auf die Gewaltfreie Kommunikation,

sehr «horizontal» unterwegs bin und damit mein Spektrum an Interventionsmöglichkeiten erweitern

konnte. In diesem Sinne bin ich neugierig, seine Tipps situativ anzuwenden und die andere Sprache auszuprobieren. Gleichzeitig scheint mir das Fazit des Werkes «nur» in eine Richtung zu gehen. Auch wenn diese Tatsache schlüssig und humorvoll erklärt wird, ist sie doch auch frustrierend: Horizontale sollen die vertikale Sprache lernen und sich, wenn erforderlich anpassen. Das ist der einzige Weg, in gewissen Millieus weiterzukommen.


Im Kontext meiner Tätigkeit als Betriebliche Mentorin und Kursleiterin ist Modlers Buch auf jeden Fall wertvoll, um mit Störungen aller Art auf energiesparende, ja sogar gewinnerzeugende Art umzugehen.

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